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Zwischen Infusionsständer und Mikrofon

Von: Das Interview führte Katie Scholl-Göttlinger.

Zwei Pflegeexpertinnen, ein Podcast und viele Fragen: VdK-Interview mit den „Meenzer Onkoschwestern“.

Zwei lachende Frauen mit Mikrofonen in der Hand.
Sprechen offen: Die Meenzer Onkoschwestern der Universitätsmedizin Mainz Tatjana Jung (links) und Natascha Heiduczek. © UM, Dominik Gruszczyk

Diagnose "Krebs"

Eine Krebsdiagnose stellt das Leben auf den Kopf. Neben der medizinischen Behandlung brauchen Betroffene deshalb vor allem eines: verlässliche Informationen und Unterstützung. Die gibt es an vielen Stellen – und manchmal auch direkt auf die Ohren. 

„Die Meenzer Onkoschwestern“ Tatjana Jung und Natascha Heiduczek sprechen in ihrem Podcast offen über Ängste, Nebenwirkungen und Tabuthemen, aber auch über Hoffnung und Humor. Zum Brustkrebsmonat Oktober haben wir die beiden onkologische Pflege-Expertinnen der Universitätsmedizin Mainz gefragt, was Krebspatientinnen und -patienten wirklich beschäftigt – und warum Reden helfen kann.

Das Interview

Ihr sagt selbst: Die besten Gespräche entstehen zwischen Portspülungen und Infusionsständern. Warum habt ihr die Infusionsständer irgendwann gegen Mikrofone getauscht?

Natascha: Wir haben sie gar nicht wirklich getauscht. Wir arbeiten weiterhin mit Patientinnen und Patienten.

Tatjana: Meistens kommen wir mit dem Infusionsständer um die Ecke, wenn wir zu ihnen gehen. Genau dann entstehen Gespräche über Themen, die wir später auch in unserem Podcast aufgreifen.

Was seid ihr zuerst: Podcasterinnen oder Pflegeexpertinnen? Und was könnt ihr als Pflegekräfte über Krebs erzählen, das öffentlich manchmal zu kurz kommt?

Tatjana: Wir sind in erster Linie Pflegeexpertinnen, denn das haben wir gelernt. Seit April sind wir auch Podcasterinnen. Onkologie, Krebs und Nebenwirkungen sind leider immer noch Tabuthemen. Das wollen wir ändern. In unserem Podcast sprechen wir offen darüber und machen diese Themen öffentlich.

Wie findet ihr die Themen für euren Podcast – oder finden die Themen eher euch?

Natascha: Für uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Jeder hat ganz individuell sein Päckchen zu tragen. Das sehen wir, und darüber sprechen wir. Es geht zum Beispiel um Nebenwirkungen von Krebstherapien wie Übelkeit oder Fatigue, also eine belastende Erschöpfung infolge der Erkrankung. Aber auch darum, warum jemand über ein bestimmtes Thema nicht sprechen möchte oder kann.

Tatjana: Wir hatten auch schon eine Patientin, die uns einen Themenwunsch für eine Podcastfolge geschickt hat.

Eine Krebsdiagnose löst bei Betroffenen und Angehörigen viele Ängste und Fragen aus. Was leistet ein Podcast, das ein Arztgespräch oder eine Internetrecherche vielleicht nicht kann?

Tatjana: Den Podcast kann man in Ruhe und immer wieder anhören. Dabei kann man sich Fragen notieren und anschließend zum Fachpersonal gehen. Hörerinnen und Hörer können uns außerdem über unsere Podcast-E-Mail-Adresse schreiben und Fragen stellen.

Ihr sprecht über Angst, Nebenwirkungen und Palliativversorgung, aber auch über Hoffnung und Humor. Wie findet ihr die richtigen Worte für so sensible Themen?

Tatjana: Die richtigen Worte sind zunächst gar nicht so wichtig. Manchmal reicht es, einfach da zu sein, gemeinsam Stille auszuhalten und Vertrauen zu schaffen. Wir nehmen uns Zeit, setzen uns ans Krankenbett und hören zu.

Natascha: Wir überlegen gar nicht so viel, wie wir etwas sagen. Wir sind einfach authentisch. Das merken die Patientinnen und Patienten: Da ist jemand auf Augenhöhe. Selbst wenn jemand sagt, es gebe keine Themen, finden wir immer etwas, worüber wir reden können. Und ja: Es ist wichtig, auch mal zusammen zu lachen.

Der „Pinktober“ macht jedes Jahr auf Brustkrebs aufmerksam. Was sollten wir über das Leben mit einer Krebsdiagnose wissen, worüber noch viel zu selten gesprochen wird?

Natascha: Krebs wird fälschlicherweise häufig mit älteren Menschen in Verbindung gebracht. In der Onkologie begleiten wir aber auch viele junge Menschen, Berufstätige oder Alleinerziehende. Für sie kann eine Krebsdiagnose mit großen finanziellen Einbußen verbunden sein. Plötzlich stellt sich die Frage: Kann ich meine Wohnung weiterhin bezahlen, wenn die Zusatzmedikamente für meine Therapie so teuer sind? Das ist heftig.

Tatjana: Themen, die mir persönlich sehr am Herzen liegen und über die im Zusammenhang mit Brustkrebs definitiv viel zu selten gesprochen wird, sind Sexualität und Körperbildstörungen. Diese Themen gehen in der öffentlichen Diskussion häufig unter. Wir haben keine Angst, darüber zu reden!

Was möchtet ihr einem Menschen sagen, der gerade die Diagnose Krebs bekommen hat und dem plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wurde?

Tatjana: Auf diese Frage gibt es keine pauschale Antwort. Das wäre anmaßend. Es kommt immer auf den einzelnen Menschen an. Ich schaue: Welche Unterstützung durch Freunde und Familie hat ein Krebspatient? Möchte er überhaupt über die Krankheit sprechen oder lieber nicht? Grundsätzlich sollte aber jeder wissen, dass es Unterstützungsmöglichkeiten gibt.

Natascha: In Deutschland gibt es tatsächlich viele Anlaufstellen für Betroffene. Man muss aber aktiv um Hilfe bitten. Genau deshalb machen wir unseren Podcast. Jeder sollte wissen: Wir sind da!

Zur Podcast-Serie

Tatjana Jung und Natascha Heiduczek veröffentlichen seit April mit der technischen Unterstützung ihres Kollegen Jan Springer alle zwei Wochen neue Folgen. Ihre Zielgruppe: Patient:innen, Angehörige, Expert:innen, Auszubis und Interessierte.