Kategorie Inklusion Arbeit & Berufsleben

Autismus im Beruf

Von: Alina Keim

In Zeiten von Fachkräftemangel könnten viele Unternehmen von Menschen mit Autismus profitieren – doch stattdessen landen Betroffene oft nicht im Job, sondern in langen Bewerbungsprozessen oder gar in der Arbeitslosigkeit. Hohe Konzentrationsfähigkeit und analytisches Denken treffen auf Vorurteile und mangelnde Inklusion. 

Ein Adler bei der Jagd.
Starker Fokus: Autistische Menschen punkten mit speziellen Fähigkeiten. © danawcac/Pixabay

Zahlen und Fakten

Allgemeinen Schätzungen nach haben rund 830 000 Menschen in Deutschland Autismus. Die Mehrheit davon ist im Erwachsenenalter häufig arbeitslos. Laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit liegt in Deutschland die Arbeitslosenquote autistischer Menschen zwischen 40 und 60 Prozent. Zum Vergleich: Die allgemeine Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 6,4 Prozent. Der erste Arbeitsmarkt bleibt ihnen weitgehend verschlossen: Zirka 45 Prozent der Betroffenen arbeiten in einer Werkstatt für behinderte Menschen.

Vorurteile vs. Vorteile

Aufgrund von Vorurteilen werden autistische Menschen selten eingestellt. Sie seien angeblich öfters krank, nicht teamfähig und unbeholfen. Markus Förster (Name geändert), selbst Autist und Mitarbeiter in einem mittelständischen Betrieb, kennt die Problematik aus eigener Erfahrung.

Was viele Arbeitgebende nicht wissen: Zwar fällt es Autistinnen und Autisten schwer, mehrere Sachen gleichzeitig zu bearbeiten. Dafür arbeiten sie alles nacheinander ab und können sich somit auf eine Sache sehr gut konzentrieren. Dr. Hajo Seng, langjähriges Vorstandsmitglied im Bundesverband Autismus Deutschland, galt bis bis zu seinem Tod im Mai 2025 als Brückenbauer und maßgeblicher Wegbereiter für die Rechte autistischer Menschen. In einem Aufsatz 2024 schrieb er: „Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass autistische Mitarbeitende in aller Regel eine Bereicherung für die Firmen sind. Gerade sie haben andere Perspektiven, Sicht- und Denkweisen, die heutzutage so dringend benötigt werden.“

Autistinnen und Autisten hätten zum Beispiel ein sehr gutes logisches Denkvermögen, eine ausgeprägte Detailwahrnehmung und ein starkes Konzentrationsvermögen, wodurch sie sich für Jobs in den Bereichen IT und Technik eignen, aber auch für organisatorische oder unterstützende Aufgaben, etwa bei Instandhaltung oder bei der Vorbereitung von Materialien. Allerdings bräuchten sie immer genaue Anweisungen, ergänzt Markus Förster. Ein Satz wie „Machen Sie bitte die Küche“ reiche nicht, stattdessen sollte alles in Einzelschritte zerlegt werden: Spülmaschine einräumen, wischen, saugen.

Inklusion am Arbeitsplatz

Arbeitgebende müssen sich also auf autistische Mitarbeitende einstellen – auch, was den Arbeitsplatz betrifft: „Autistische Menschen möchten selbstständig arbeiten und ohne Hilfe auskommen“, so Markus Förster. „Dafür brauchen sie einen geeigneten und ihren Bedürfnissen entsprechenden Arbeitsort – ein Einzelbüro oder Homeoffice, damit sie von Kolleginnen und Kollegen nicht abgelenkt werden und sich besser konzentrieren können. Dieses Verständnis fehlt bei einigen Arbeitgebenden. Sie klagen zwar über Fachkräftemangel, tragen jedoch nichts zur Inklusion von Menschen mit Autismus bei.“ 

Dieser Einschätzung kann sich Melanie Dietz, Pressesprecherin der Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen, nicht vollständig anschließen; sie blickt optimistischer in die Zukunft: „Die Unternehmen erkennen zunehmend die Bedeutung von Autismus für den Arbeitsmarkt. Neurodivergente Denkweisen bringen neue Perspektiven in Teams. Menschen mit Autismus können durch ihre Detailgenauigkeit, Mustererkennung und Ausdauer einen wertvollen Beitrag in Unternehmen leisten, auch im Hinblick auf kleinere Arbeiten.“

In der Praxis scheint es allerdings nicht so, als ob sich diese Bewertung durchgesetzt hätte. Insofern liegt die Hoffnung autistischer Menschen weiterhin darin, dass sich die Politik für mehr Inklusion am Arbeitsmarkt einsetzt – und, dass Arbeitgebende ihre Vorurteile hinterfragen, betont Markus Förster: „Wir wollen als Menschen gesehen werden, nicht als Mensch mit Behinderung. Das ist auch eine Frage der Wertschätzung.“